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Hubert Schonger

Natur- und Märchenfilmer

Hubert Schonger, am 19. Oktober 1897 in Bachhagel, Landkreis Dillingen an der Donau geboren, beginnt nach dem Ersten Weltkrieg ein Ingenieur-Studium. Schonger reizt jedoch die Natur. Mit seiner Kamera fotografiert er Vögel, und aus dem Fotografieren wird eine Leidenschaft und ein Leben für den Film. 1923 gründet er in Berlin die Firma Naturfilm Hubert Schonger und bringt die Dokumentation MELLUM, DAS VOGELPARADIES IN DER NORDSEE heraus.

Die kleine Firma, die alsbald mit einem kleinen Mitarbeiterstab arbeitet, produziert und vertreibt Natur-, Kultur- und Städtefilme, nimmt auch Robert Flahertys großen Dokumentarfilm in Spielfilmlänge, NANOOK OF THE NORTH [NANUK DER ESKIMO], in den deutschen Verleih. 1930 produziert Schonger seinen ersten Spielfilm. Er heißt LOHNBUCHHALTER KREMKE und ist einer der letzten in Deutschland hergestellten Stummfilme. Hermann Vallentin spielt einen Büromenschen, der aufgrund von Spar- und Rationalisierungsmaßnahmen entlassen wird. Sein Weltbild bricht zusammen. Kremke begeht Selbstmord. Regie führt eine Frau: Marie Harder, die den Film- und Lichtbilddienst der SPD leitet und vom russischen Revolutionsfilm beeinflusst ist. Harder kommt 1936 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Anna Sten aus Kiew, wenig später von Sam Goldwyn nach Hollywood verpflichtet, spielt die weibliche Hauptrolle. In weiteren Rollen der russisch-ukrainische Schauspieler Kowal-Samborski, die Kinderdarstellerin Inge Landgut, die wenig später an der Seite von Peter Lorre in M zu sehen sein wird, und Wolfgang Zilzer, der in der Emigration kleine und kleinste Rollen spielen wird (in NINOTCHKA, TO BE OR NOT TO BE, INVISIBLE AGENT und CASABLANCA).

1936 trifft Schonger mit Willy Wohlrabe, dem Inhaber des Jugendfilm-Verleihs, der wie Naturfilm seine Büros am Anhalter Banhnof in Berlin hat, eine Vereinbarung über die Herstellung von Märchen- und Kinderfilmen. Er ist nach Alf Zengerling der zweite deutsche Produzent, der konsequent diese Nische besetzt, und das macht Sinn. Im November 1936 hat der Vorstand der Ufa die Verfilmung von Engelbert Humperdincks Kinderoper HÄNSEL UND GRETEL erwogen, aber angesichts der nicht geringen Herstellungskosten „nur beschränkte Auswertungsmöglichkeiten“ in Kinder- und Jugendmatinéen gesehen. Der Beschluss wird aufgeschoben, das Projekt nie realisiert. Grund genug für Kleinproduzenten, sich auf Märchen einzulassen, die im Gegensatz zu den hochfliegenden Ufa-Plänen preiswerter hergestellt sind. So ist es Hubert Schonger vorbehalten, dessen erste Märchenfilme TISCHLEIN DECK DICH, ESEL STRECK DICH, KNÜPPEL AUS DEM SACK, SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT, BRÜDERCHEN UND SCHWESTERCHEN und DIE HEINZELMÄNNCHEN sind, 1940 die erste deutsche Tonfilmfassung von HÄNSEL UND GRETEL zu produzieren, ohne Humperdinck und vergleichsweise unaufwändig. Dennoch: Die Adaption enttäuscht in der Ausstattung nicht. Noch geht Schonger für diese Filme nicht in die freie Natur, sondern lässt sie unter kontrollierten Arbeitsbedingungen im Atelier in der Berliner Lindenstraße entstehen, das früher einmal von der Vitascope und jetzt von einer Tochtergesellschaft der Tobis betrieben wird.

Sein größter Coup kommt, als klar wird, dass Disneys Technicolor-snow white and the seven dwarfs (1937) nach langem Tauziehen um Preis und Devisen zwischen Ufa und Bavaria nicht im Deutschen Reich laufen wird. Da stellt Schonger kurzentschlossen eine preiswerte, schwarzweiße Realfilm-Version des Märchens her und annonciert sie in der Branchenpresse als „Bombenerfolg“. Die Zwerge werden von kleinwüchsigen Männern gespielt. Diese „echten Liliputaner“ werden, wie man in der Presse liest, von der Berliner Scala für die Filmaufnahmen ausgeliehen. Ihre Gesangs- und Tanzeinlagen mildern die grausame Handlung des Grimmschen Märchens ab.

Gelegentlich schreibt Schonger auch selbst das Manuskript und führt Regie. Der ambitionierteste seiner frühen Märchenfilme ist das von ihm inszenierte TAPFERE SCHNEIDERLEIN (1942), das auch nach dem Krieg noch erfolgreich in Kindervorstellungen läuft. Hans Hessling spielt den kleinen Schneider, der sich, nachdem er sieben Fliegen erschlagen, mit einer Schärpe und der Aufschrift Sieben auf einen Streich brüstet. Dem Gewitzten gelingt es, zwei urzeitlich auftretende Riesen-Barbaren auszuschalten, die die Gegend unsicher machen, und auf Wunsch des Königs und seiner hinterhältigen Räte zieht er auch noch gegen das Einhorn und ein übles Wildschwein. Als Lohn erhält er die Hand der Prinzessin und das halbe Königreich. Der Komponist des Films, der Dirigent und Pianist Rio Gebhardt, überlebt den Krieg nicht. Er fällt am 24. Juni 1944 an der Ostfront.

1947 zieht Schongers Firma nach Inning an den Ammersee. Hier entsteht ein kleiner Studiobetrieb, eine Scheune wird als Atelier hergerichtet. Aber nicht nur im Studio entstehen die Filme. Im Gegensatz zu den Berliner Produktionen gibt es viele Außenaufnahmen. Die herrliche Berg- und Seenlandschaft der Umgebung wird bald als Kulisse in Agfacolor-Remakes der frühen Filme genutzt.

Aus Naturfilm Hubert Schonger wird mit Schongerfilm ein stark diversifiziertes kleines Unternehmen mit verschiedenen Geschäftszweigen, die im Grunde alle Bereiche des Filmschaffens abdecken. Es gibt kaum einen Zweig, in dem sich Hubert Schonger nicht ausprobiert hat. Er produziert nicht nur Kinder-, Jugend- und Märchenfilme – bis ihm die Freiwillige Selbstkontrolle mit einer Altersfreigabe nicht ab 0, sondern ab 6 Jahren einen Strich durch die Rechnung macht und ihm einen großen Teil des Publikums nimmt. Sein schönster Märchen-Farbfilm, RÜBEZAHL, HERR DER BERGE (1957) mit Franz Essel in der Titelrolle, ist auch einer der letzten. Schonger stellt auch weiter Spielfilme her, in der Regel Berg- und Heimatfilme: 1948/49 BERGKRISTALL unter der Regie von Harald Reinl, 1957 ZWEI MATROSEN AUF DER ALM mit Anita Gutwell, Helmuth Schneider, Barbara Gallauner, Hans Nielsen und Liesl Karlstadt, 1959 O DIESE BAYERN mit Liesl Karlstadt, Jürgen von Alten und Rudolf Vogel sowie HUBERTSJAGD mit Willy Fritsch, Wolf Albach-Retty, Angelika Meissner, Lucie Englisch (die in Schongers letztem großen Märchenfilm die FRAU HOLLE spielt). 1967 folgt TANJA; DIE NACKTE VON DER TEUFELSINSEL.

Er tauscht seine preisgekrönten Jugendfilme, die FRANZL-Filme zum Beispiel, mit Rank in England aus, betreibt eine Zeitlang mit Heinz Tischmeyer ein Zeichenfilmatelier in Tutzing, gründet unter seinem Namen einen eigenen Filmverleih mit Kurt Hammer als Geschäftsführer. Der Schongerfilm Verleih bringt neue Produktionen wie DAS WUNDER VON FATIMA und Reinls HINTER KLOSTERMAUERN ebenso heraus wie alte Wildwestfilme und deutsche Reprisen (Karl Ritters HOCHZEITSREISE, DIE 3 CODONAS, Rühmanns FEUERZANGENBOWLE). Er kauft Filmlizenzen. Unter anderem erwirbt er Ingmar Bergmans JUNGFRUKÄLLAN, aber auch ein sehr kommerzielles Paket von utopischen und Gruselfilmen der American International Pictures, darunter Roger Cormans HOUSE OF USHER und die Jules-Verne-Verfilmung MASTER OF THE WORLD, beide mit Vincent Price, die er unter der Leitung von Ingo Hermes in eigener Synchron-Produktion „eindeutschen“ lässt. Auch Ausschnittfassungen seiner Filme in 8mm für das Heimkino wertet er aus. Für den Westdeutschen Rundfunk in Köln entsteht unter der Regie von Peter Podehl (in Zusammenarbeit mit Schongers Sohn Ulrich) die sechsteilige Nachmittagsserie DIE HÖHLENKINDER.

In dem von Schonger über die Jahre angekauften Material befinden sich auch 20.000 Meter Schnittreste von F. W. Murnaus Südseefilm TABU. Die große Filmhistorikerin Lotte H. Eisner berichtet darüber in ihrem Murnau-Buch: Hubert Schonger hat zur Zeit aus Graz eine Unzahl von Filmrollen bekommen können, von denen mir seinerzeit Murnaus Bruder Robert sprach. […] Bei der Durchsicht der Streifen im Hause Hubert Schongers habe ich sehen können, dass der Vermerk INSEL DER GLÜCKLICHEN von Robert Plumpe stammt, der aus den vorhandenen Mustern von TABU und einem sehr schönen, in den Film nicht aufgenommenen Fischzug – Insulaner schlagen hier das Meer mit Zweigen, um Fische ins Netz zu treiben – einen neuen Film herzustellen geplant hatte. (Lotte H. Eisner: Murnau. Frankfurt am Main 1979,  S. 219) Schonger schnitt daraus den Kulturfilm REISE ZU DEN GLÜCKLICHEN INSELN, der 1968 erschien.

Mit Auflösung des eigenen Verleihs lässt Schonger seine Lizenzen vor allem durch Gerhard Goldammers Goldeck-Film-Verleih in Frankfurt und durch den Mercator-Filmverleih in Bielefeld auswerten, dem mit Bodo Gaus als Geschäftsführer ein ehemaliger Vertreter des Schongerfilm Verleihs vorsteht.

Hubert Schonger fördert auch junge Filmemacher wie Marran Gosov (die Kurzfilme DAS DENKMAL, ANTIQUITÄTEN), Klaus Lemke (der Kurzfilm HENKER TOM mit Werner Enke) und Peter Fleischmann (der Kurzfilm DIE EINTAGSFLIEGE; HERBST DER GAMMLER, ein langer Dokumentarfilm).

1972, nach einem halben, arbeitsreichen Jahrhundert, zieht sich Hubert Schonger aus dem aktiven Geschäftsleben zurück. Er stirbt am 21. Februar 1978 in Inning.

Text: Dr. Rolf Giesen